Der Boxer

 

Das Knacken seiner Knochen ließ alle Anderen im Raum erschrecken.

Es gab Hähnchen mit Erbsen und Kartoffelpüree. Im Speisesaal saßen um die dreißig ältere Herrschaften, die hier im Seniorenheim, ihre letzten Jahre gemütlich und ohne Aufregung verbringen wollten. Das Einzige, was an diesem Abend jedem störte, war Otto.

Otto war 76 und wohnte erst seit einigen Tagen mit ihnen Allen zusammen. Otto der Starke. Otto der Knochenbrecher. Alle im Saal kannten ihn. Jeder kannte seine Geschichte. Jeder hatte seine Kämpfe gesehen. Doch diese lagen in einer weiten Vergangenheit. Hier waren alle gleich. Alt. Müde vom Leben. Einfach nur froh, das ihnen dieser Ort, am See der Wahrheit gelegen, die Ruhe gab, die sie sich für ihre letzten Jahre gewünscht hatten.

Otto sah alles etwas anders. Seine Kinder hatten ihn hierher gebracht.

„Papa, das schaffst du alles nicht mehr!“, hatten sie gesagt, als sie ihn danach auf einen Ausflug einluden und nach drei Stunden Fahrt hier im Seniorenheim ablieferten.

Anfangs vergaß er Termine. Dann seine Herztabletten zu nehmen. Das Licht im Flur brannte tagelang. Als letztes vergaß er das Gas vom Herd abzudrehen und sorgte für einen Feuerwehreinsatz.

In Otto´s Augen war das alles nicht schlimm. Hatte wenig Bedeutung. In ihm kreischten noch immer die Fans, die ihm im Boxring stehend, anfeuerten.

„Otto, Otto, Otto!“, hörte er noch immer ihre Anfeuerungsrufe.

Damals, der Kampf gegen Sanchez, im ausverkauften Zentralstadion von Mexiko. Dreißig Tausend brüllten zwölf Runden in den Regen von Guadalajara. Bis Otto den Kampf in der dreizehnten Runde mit einer krachenden Rechten beendete. Er brach dabei nicht nur seinem Gegner zwei Rippen, sondern sich die Finger in der rechten Hand.

„Das war das Größte für mich!“, sagte er auf jeder Familienfeier.

Seine Familie hörte seine Geschichten seit Jahren. Seine zwei Söhne und Tochter Tanja konnten diese schon nicht mehr hören. So bald Otto das Wort ergriff, rollten sie schon mit ihren Augen. Nur für Otto war das jedesmal das Highlight jedes Familienfestes. Für ihn lagen seine Kämpfe so nah an dem Jetzt, das er die Anstrengungen, die jeder Kampf mit sich gebracht hatte, noch immer spürte.

„Damals, ´68 in Chicago!“, begann er seinem Tischpartner zu erzählen.

Dieser mischte die Erbsen in das Püree und aß ruhig weiter.

„Weißt du noch?“, wollte Otto von ihm ein Statement.

Dieser blickte ihn an.

„Man Otto, das ist fünfzig Jahre her!“

Otto wusste mit dieser Antwort nichts anzufangen. Er ballte seine Rechte, holte aus und ließ sie vor dem Kinn des Alten neben ihm stoppen.

„Ich könnte noch immer jeden umhauen!“, prallte er nach seiner Aktion.

Alle Senioren schauten ihn verwundert an. Dann drehten sie sich wieder um und aßen weiter ihr Hähnchen mit Erbsen und Püree.

„Was ist los mit euch?“, brüllte er verärgert durch den Speisesaal.

Niemand nahm so richtig Notiz von seinem Benehmen.

„Ich war der Größte!“, folgte aus ihm.

Sein Tischnachbar kaute und schluckte, legte das Besteck auf den Teller und lehnte sich zurück.

„Otto! Du warst der Größte!“

„Ja das war ich!“

Er blickte zu Otto und lächelte.

„Otto!“

„Ja?“

„Egal wie groß du mal warst. Nun sitzen wir alle hier und sind froh, wenn wir unser Essen nicht als passiert bestellen müssen!“

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Die Szene

 

Wenn du so wie ich, ein paar Jahre in der Drogen Szene unterwegs warst, betrachtest du den Alltag, den Trubel auf den Straßen, das 20 minütige Warten auf den Bus mit jungen Leuten, die jetzt in dem Alter sind, wo ich damals bekifft oder anders zugedröhnt durch die Straßen zog, mit einem „Aha“ Blick.

Wenn da so ein Bub mit achtzehn neben mir sitzt und an seiner Kippe lutscht, erkenne ich an seiner Haltung, Handhabung der Zigarette, dass dies nicht sein größtes Laster ist. Das klingt jetzt wirklich etwas aus den Haaren gezogen. Aber ein Blick in seine müden Augen und diese „Ist mir alles Schnuppe“ Ausstrahlung rundet die ganze Geschichte für mich ab.

Was soll man da schon sagen oder denken?

Verurteilen!

Ich hab das ja alles selber durch. Nur das, wenn ich in den Jugendclub in Olvenstedt spazierte, alle erstmal ganz unschuldig taten, weil sie dachten, der Typ mit Pullunder und Hemd sei ein Sozialarbeiter.

Erst nachdem ich 80 € auf die Tischtennisplatte schmiss, öffneten sich nicht nur ein halbes Dutzend Augenpaare, sondern auch die Bauchtaschen der Dealer.

Zehn Minuten später standen wir Drogis mit zwanzig Pillen und einem fetten Brocken Hasch auch schon wieder an der Tram Haltestelle.

Mit Hilfiger Jeans, Pullunder und Hemd denkt in der Bahn nicht mal einer an eine vergessene Fahrkarte, geschweige denn daran, dass du gerade genug Stoff, für ein paar Monate Jugendknast, in der Tasche hast.

Es gab auch Abende, da warteten wir stundenlang im Treppenhaus eines Dealers, nur ein Zwischenhändler, auf unsere große Lieferung. Nach Stunden des Wartens wurden wir mit ein paar Gramm „Sorry-Dope“ wieder nach Hause geschickt.

Auf meine ersten Pillen, die mir und meinen Freunden, meinen 17. Geburtstag versüßen sollten, wartete ich zwei Stunden, weil ich gleich zehn Stück wollte und der Dealer aus Bernburg nach Wolmirstedt bestellt werden musste.

Ich ohne große Peilung, sah zu, wie der Typ drei volle Tüten Pillen aus seinen Rucksack zauberte. Jetzt keine kleinen Grastüten, sondern solch Tüten, mit denen andere ihre Pausenbrote einpacken.

Von den in Alufolie eingepackten Haschisch Steinen hatte ich zu dem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Mal kurz probiert hatte ich schon. Aber ich übersprang die erste Phase gleich mal und startete mit einem „E“ Rausch.

Später lernte ich dann den Begriff „Gruppenmische“ kennen. Jeder der Anwesenden spendete eine Stein, die „wenig Kohle“ Typen die Zigaretten und nach ein paar Minuten stand da ein Teller voller Rauchkram auf dem Tisch. Meine erste Flatrate. Jedenfalls für einen Abend. Bei Abenden auf Pille konnten das auch schon mal zwei Teller werden.

Auf „E“ greifst du lieber zur Bong, als zu diesen langweiligen Glimmstängeln. Die brauchst du nur, wenn du gerad an der Konsole Pause hast und deinen Leuten beim Zocken zuschauen musst.

Einmal saßen wir in so einer „Hartz IV“ Wohnung. Cooles selbstgebautes Bett mit Treppe. Aber nur Leitungswasser und für die Benutzung von Glas und Geschirr musste man 20 Cent „Abwaschgebühr“ blechen. Wir waren arm dran an diesem Abend. Wir streckten das halbe Gramm mit so viel Tabak, das jeder von uns, jedenfalls einen kleinen Kopf mit Hasch-Geschmack, auf der Bong bekam.

Noch heute frage ich mich, ob die Ratte, die durch das Zimmer lief, sein eigenes gewolltes Haustier war. So war das. Halt so enttäuschende Kiffer Abende.

Aber mit Hilfiger Jeans, Pullunder und Hemd sieht dir das in der Tram keiner an. 40€ hätten wir auch blechen müssen, wenn nachts um drei ein Kontrolleur durch die Wagen patrouilliert wäre.

Ich bin einer von Vielen. Einer, dem es nicht zusteht, die heutige Jugend zu verurteilen. Natürlich sind Drogen scheiße. Da sprechen vier Krankenhausaufenthalte, die zusammen genommen ein ganzes Jahr für sich in Anspruch nahmen und diverse „45 Minuten“ Sitzungen, um den Schaden, den dieses Zeug anrichtete, zu  verarbeiten, aus mir.

Heute zocken sie FIFA schon am Handy, wenn sie zur Schule fahren. Oder Bubble Gum und diese anderen süchtig machenden Games.

Und ja, das gäbe ich zu, auf Dope kam das Zocken früher schon cooler.

Da es nun mit großen Schritten auf die Vierzig zu geht, bin ich von fast allem befreit. Ich liebe den klaren Kopf. Vielleicht mal ein Weinchen oder einen Cherry. Betrunken bekomme ich schreibtechnisch sowieso nichts hin. Aber die Fluppe muss sein! Das ist noch so ein Makel in meinem Sein.

Aber so ein Leben ohne Laster würde irgendwie auch nicht zu mir passen!

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Dein Mut ohne Taten

 

Du sagtest „küss mich“ und verschwandest mit der letzten Bahn.

Dein Mut hielt zwei Worte.

Dein Gehen sammelte achtzehn Jahre.

Vielleicht war es die lange Fahrt mit der Bahn. Vielleicht die Musik auf meinen Ohren. Vielleicht der billige Rote, den ich heimlich in der Tasche hatte, der mir diese Fahrt berauschte. Vielleicht auch einfach nur das Ziel meiner Reise.

Die Fahrt dauerte zwei Stunden. Mein Film beim Blick aus dem Fenster spielte achtzehn Jahre und ein bisschen. Genau zwei Worte dauerte die Zugabe. Sie blieben, auch wenn zwischen dem Damals und dem Jetzt, diese Jahre vergingen. Jahre der tiefen Stille. Vergraben unter tausenden Geschichten, die mich erdrückten und mich zum reisen zwangen. Ich war auf der Suche, ich musste suchen, nach etwas Befriedigung für mein stehen gelassenes Herz. Ja, seitdem fand in mir kein Feuerwerk mehr statt. Die Damen in den Bars, auf den Konzerten, den vielen Empfängen redeten anders. Sprachen von Zielen, die sie sich seit ihrer Kindheit, zusammen mit einem Mann wünschten.

Du warst anders. Du nahmst den Moment, jeden Moment, um diesen auszukosten. Da gab es wenig morgen. Schon recht kein in fünf Jahren. Und so wurde jeder Tag mit dir zu einem Erlebnis, zu einer Abenteuer Reise, ohne an ein Ziel zu denken. Du fandest jeden Tag neue Anfänge. Das Neue, an jedem weiteren Tag, als Ergebnis deines nächtlichen Pausierens. Da war nie ein Zweifeln, das etwas nicht gelingen könnte. Nie die Angst, dass deine Seele irgendwann verstummen könnte. Kein greifen nach meinem Herz.

Wäre es doch so geblieben!

Wir sahen unsere Körper wachsen. Spürten, wie sich unser Geist entwickelte. Hörten die Worte, die sich in den Jahren längst zu ganzen Geschichten summierten. Geschichten aus unseren Gärten. Da wo nur unsere Träume wuchsen. Unser Ort der Flucht, vor dem Gesetz der Erwachsenen, des Alltag und der ganzen Welt. Sie wollten uns ein Leben lang klein halten. Wie die auf den Feldern, die nie was sagten und tapfer wie sie waren, die Ernte einholten.

Und nun sollte mich dieses Gefährt zu deinem ersten von dir gewähltem Ziel bringen.

Es muss eine Entscheidung, aus der von mir dir gegenüber, zu plumpen Zurückhaltung gewesen sein. Wie konnte ich ahnen, dass du doch ein Ziel hattest. Du dir mich aussuchtest.

Warum?

Weil ich nicht wie die Anderen war und dein Herz mehr liebte, als das da drum. Mir nicht wichtig war, ob du mit Jeans oder Rock, oder Bluse oder Top, deinen Körper zur Schau stelltest.

Mir war immer nur wichtig, dass es dir gut geht. Und das sah und fühlte ich jeden Tag an deiner Seite. Sah dein Lächeln. Hörte dein Lachen. Dieses Ganze, wenn man sich an der Seite eines Anderen wohlfühlt.

Und genau diese Zweideutigung unserer Momente begriff ich erst nach Jahren deines Gehens. Da wurde mir dein Lächeln, dein Lachen, als Ergebnis präsentiert, wenn andere Frauen von der Liebe sprachen.

Mehr als aussteigen hätte ich tun können. Löste aber zwei Stunden später mein Ticket und fuhr achtzehn Jahre und ein bisschen, wieder zurück.

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Die Dame

 

Natürlich habe ich gemerkt wie du meine Hand diesmal länger berührtest. Da war diese „Ich mag dich“ nach unserem offenen Gespräch. Eine Lust mir nah zu sein.

Mein Rasierwasser ließ dich träumen, von Zweisamkeit, von einem in die Nacht schleichen und uns aneinander schmiegen, bis du dieser Hingabe freien Lauf lässt und mich mit deiner Erfahrenheit in andere Sphären leiten möchtest.

In mir erhob sich ein Gefühl von leichter Angst. Oder eher eine Hilflosigkeit.

Deine Erfahrung ist dein Schatz. Ein Schatz, den du mir ohne lange danach zu suchen, präsentieren würdest. Du würdest meine Jugend wollen. Beherrschen wollen. Sie sanft zum Höhepunkt begleiten wollen.

Doch wäre ich dann noch bereit, dein seit Jahren forderndes Verlangen zu stillen. In mir steigt die Angst. Oder wohl eher die Panik. Möchte ich dir doch gefallen. Jetzt, wo sich unsere Hände für Sekunden streicheln und wir wissen, dass es unsere Körper auch möchten.

Wie Zuckerguss schmeckt deine Haut, wenn ich mit meiner Zunge, von deinem Hals, bis zur Antenne deines Busens, gleite.

In diesem Moment fühle ich mich begabt, weil ich spüre, wie dein Körper pulsiert. Deine Lust meine Finger befeuchtet. Du mehr, du diese Lust für ewig genießen möchtest.

Morgen müssen wir aber früh raus. Du ins Büro. Ich auf den Bau.

Aber jetzt bist du noch meine Spielwiese. Jahrzehnte so gepflegt, das deine Haut weicher, als die meine.

Jahrelange Arbeit in der Sonne ließ meine bräunen, aber auch trocken werden.

Meine Lippen fühlen kein Haar in deinem Paradies. Bin ich doch der Erste, der nach Jahren diese Frucht schmecken darf. Du lässt dich fallen. Drückst deine Hände auf dein Bergenland und stößt Laute aus dir. Ein Moment, der mich für kurze Zeit zum Ritter schlagen lässt. Der Ritter, der nun sanft sein Schwert benutzt, um dich aus dem Dahingleiten, in die Ekstase zu begleiten.

Dein Becken spielt mit meinen Bewegungen. Lässt mir kleine Pausen, die du mir gönnst, um dein Sinken noch eine Weile hinaus zu zögern.

In deinen Augen sehe ich das von dir gewünschte Ziel.

Die Ekstase, durch einen jungen Kerl, der nicht viel wusste, es dann aber doch verstand, sich seine Oase, in sein sonst so sandiges und ausgetrocknetes Liebesleben, zurück zu zaubern.

Deine Gier nach Lust treibt dich am Morgen auf meine jugendliche Bereitschaft. Wofür ich in der Nacht keinen Blick fand, erstrahlt, bebt nun vor mir. Du bist clever. Suchst den Rhythmus, der uns beiden gefällt. Der dich glücklich macht. Der mich standhaft bleiben lässt.

Mit einem Lächeln beugst du dich über mir. Lässt mich knabbern. Lässt mich Kommen.

Ich schaue dir nach, wie du mit Flügeln über den Boden schwebst und unter der Dusche verschwindest.

Diese Nacht, dieser Morgen, ich kann es nicht verschweigen, wie schön dies war. Fühle weiter deine innere Wärme. Bin berauscht. Suche halbblind vor Verlangen dein Bad und komme zu dir unter die Dusche.

Beide suchen wir den kalten Fall des Wassers. Unsere Körper dampfen und spielen die Nacht und den Morgen noch einmal nach.

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Erlerne das richtige Flüchten

 

Als ich damals in Magdeburg in der Drogenberatung saß, dachte ich nur, quatsch hier nicht zu viel, ich will nach Hause und einen Rauchen. Bis nach Hause schaffte es dieses Verlangen nicht. Fünf Minuten vom Beratungshäusle entfernt, zündete ich mir schon das Tütchen an.

Aber was sagt man einem Jungen mit achtzehn schon?

Mach das nicht!

Das ist nicht gut!

Auf die Frage, warum ich das machte, antwortete ich, weil es mir Spaß macht.

Natürlich reichte es dem netten Herrn nicht. Und natürlich gab es Gründe warum ich das tat. Nur wollte ich darüber nicht reden. Nicht mal nachdenken. Und so ballerte ich mir jeden Tag vier Gramm in die Lungen. Die Probleme wurden dadurch nicht milder. Halt für eine kurze Zeit in die „kurz vergessen“ Ecke geparkt. Aber dieser Parkplatz war irgendwann voll. Also nahm ich Pillen und solch Pilze, um die parkenden Probleme etwas weiter zusammen zu schieben. Klappt natürlich nicht. Aber mit achtzehn denkt man anders.

Jetzt, mit all den Erlebnissen und Erfahrungen kann ich mir diese Lebensphase erklären. Da war auf einmal viel Frust, weil das Alles für das man Jahre geschuftet hatte, nicht mehr so funktionierte. Statt 13 Punkten, standen auf einmal 5 Punkte im Studienheft in Rechnungswesen. Mathe noch schlechter. Deutsch gerade noch so 7 Punkte. Das frustet, wenn du jahrelang die Einser gesammelt hattest.

So brauchte es am Anfang einen Kopf Haschisch nach der Schule, um den ganzen Nachmittag auf der Couch zu chillen. Etwas peinlich. Aber so verpasste ich die Echtheit der Berichte von 9/11. Mir musste dann am nächsten Tag gesagt werden, dass der Film, den ich da gesehen hatte, eben kein Blockbuster war. Nicht mal ein schlechter B-Movie. Sondern Realität.

Was würden dann zwei Köpfe anrichten? Was wäre erst, wenn ich mir ein ganzes Gramm beim Dealer bestellte!

Na gut, das habe ich ja dann alles erlebt. Darf man sagen, erleben dürfen! Ach, alles Mist. Ich hätte den Arsch zusammen kneifen sollen und halt eine Schüppe drauf packen müssen. Integralrechnung hätte ich schon irgendwann verstanden. Eine Zelle konnte ja nun nicht unbegrenzt solch Dinger wie Chloroplasten, Vakuolen und so, haben. Alles eine Sache der Lernbereitschaft.

Aber ich war nicht 35, sondern achtzehn. Blödes Alter um in die falsche Richtung zu flüchten. Man macht halt das, was die Großen dir verbieten oder dich jedenfalls vor warnen.

Aber wohin wollte ich flüchten?!

Wo sollte ich schon hin. Ich wohnte weiter in meinem Kinderzimmer. Musste weiter auf die Schule gehen. Flüchten wäre jetzt Tasche packen und ab nach Australien. Mit Schippe und Spathen nach Gold suchen. Schaue ich heute gern im Fernsehen. Tolle Sache.

Aber mit Hilfe von Drogen zu flüchten! Wohin?

Ich konnte doch eigentlich nur meinen Kopf und Körper betäuben. Anfangs mehrere Stunden. Später brauchte es drei Köpfe für eine Stunde.

Mit den Jahren sah ich flüchten eher als Niederlage. Vor etwas wegrennen. Sich nicht der Angst stellen. Und die gab´s in mir in tonnenschweren Steinen. Nichts was man lange mit sich herumtragen konnte. Es brauchte andere Möglichkeiten zu flüchten. Vier Stunden Fahrrad fahren. Zwei Stunden im Park walken. Stundenlanges Musik hören. Einfach aufschreiben, was ich nicht im Kopf behalten wollte. Gerne vermische ich. Also Musik hören zu allen Dingen die mich flüchten lassen. Nur das ich nicht mehr wegrenne. Ich stelle mich meinen Problemen oder Sorgen. Ich habe einen Mund und der kann, wenn er will, ganz ordentlich sagen, was ihm passt oder eben auch nicht.

Es wird immer mal wieder Probleme oder Sorgen geben, wo mir im Moment, in der Situation, keine Worte einfallen. Aber dann flüchte ich für zwei Stunden zu Michael, Whitney, Eric, Joe oder Mister Santana und suche eine Lösung.

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Ein Strand ohne Spuren

 

Auch nach über fünfzehn Jahren sitzt dieser Mann mal wieder auf seiner Couch und blättert durch die alten Bilder seiner Jugend. Diese Freude in seinem Gesicht, die er schon seit langer Zeit vermisst. Zeiten eines jungen Taugenichts, die ihn nur träumen ließen. Von ihr. Das Mädchen, das er jeden Tag sah. Mit ihr saß er auf der Wiese und redete über das was mal kommen könnte. Was sie nicht wusste. Sie war seine gewollte Zukunft. Mit ihr wollte er leben. Ein Leben mit Fußabdrücken an allen Stränden dieser Welt.

Heute versteht er die Männer und Frauen nicht, die sich nehmen, was sie gerade brauchen. Immer eine Andere. Der Typ aus der Bar. Nur für den schnellen Kick.

War er doch früher genauso. Liebte die Frauen. Aber nur aus der Entfernung. Denn im Herz stand nur sie. War morgens sein Wecker, um sich schick zu machen und mit Freude in die Schule zu gehen. Abends der Gedanke, um einzuschlafen, um am nächsten Morgen wieder zu erwachen. Nur sie zählte. Da war kein Platz für die Anderen. Die Mädels, die um ihn schlichen, seine Nähe suchten und sich wünschten, seine Lippen zu kosen. Allen half er mit Worten. Doch Taten blieben aus. Kein Tanz in der Diskothek. Nur zu Freundschaften ließ er sich hinreißen.

In seinem Leben besuchte er die vielen Strände, die er in seiner Jugend, in seinen Träumen, mit ihr ablief. Doch da waren keine gemeinsamen Fußabdrücke. Keine wahren Erinnerungen. Nur Sand aus Träumen. Ohne jede Erinnerung an etwas Gemeinsamen. Nur Einsamkeit. Alleine sehen und kein teilen.

Nie weinte er des Verlustes wegen. Nie aus Angst. Nie aufgrund eines Schmerzes. Jetzt aus Wut, weil er sie damals stehen ließ und das damalige Jetzt nicht ernst nahm. Es war die letzte Chance. Danach verschwand er. Weil er musste. Weil ihn die Gesellschaft dazu drängte. Ein Bleiben wäre ein langsamer Tod. Sein Tod. Das Ende, das sich die Gruppe, der ihn Verletzenden, wünschte.

Er baute Mauern. Mauern um sein Ich. Mauern um sein Reich. Ließ lange die Tore geschlossen. Erschaffte sich seine Welt. Eine Welt ohne Gefühle. Ohne Liebe. Ohne eine Prinzessin an seiner Seite. Auf Reisen hatte er seinen Rucksack, mit seinem Leben, seinen Erinnerungen, seinen Wünsche gefüllt. Mit einer Kamera fokussierte er das Leben Anderer. Mit einem Diktiergerät die Eindrücke seiner „Ein Person Reise“.

Er lief so lange, bis die eigene Sammlung von schönen Eindrücken und Gedanken, das gewünschte Volumen hatte. Setzte sich in ein Hotelzimmer und schrieb die Zeilen seines Lebens. Zeilen des Gesehenen, des Erlebten, des Gefühlten. Doch immer fehlte da ein Prozent um ganz glücklich zu sein. Eine Person. Sie. Sie, die damals mit funkelnden Augen auf ihn zu kam. Freudig seinen angekündigten Worten lauschte. Doch er seine Worte anders wählte. Nicht so, wie sie es sich erhoffte. Nicht so, wie er es wirklich vor hatte.

Zurück blieben Tränen bei Beiden. Ihre im damaligen Jetzt. Seine im jetzigen Jetzt. Dazwischen über fünfzehn Jahre des Erinnerns, des immer noch lieben, des Betrachten der Bilder aus der Jugend.

Ein Strand ohne eigene Spuren, ist ein Ort, den man nie besuchte.

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Welcome Berlin

 

Am letzten Freitag betrat ich wieder Berliner Boden. Aber dieses Mal mit einem anderen Gefühl. Nicht wie sonst erleichtert, sondern mit Wehmut. Denn diesmal hatte ich mich in den fünf Tagen sehr wohl in Magdeburg gefühlt. Ich genoss die Zeit mit meiner Familie. Feierte die Geburtstage von Papa und Mutti. Schlenderte durch die Straßen, über den Weihnachtsmarkt und hatte einen guten Schlaf, in meinem sehr schmalen Bett, in der Jugendherberge.

Ja das muss ich zugeben. Ich bin sonst ein Doppelbett Schläfer. So ein Achtziger Bett ist schon gewöhnungsbedürftig. Aber dieses Manko hatte das gute Frühstück locker glatt gebügelt. Am ersten Morgen noch zu dritt, saß ich die restlichen Tage mit einer russischen Schulklasse, bei Milchkaffee und Marmeladenmohnbrötchen.

Dieses Mal fühlte ich mich wohl. Heimisch. Sehr zufrieden mit dieser Situation.

Zum ersten Mal achtete ich auf die Magdeburger Schönheiten. Das rosa Hundertwasser Haus. Die vielen kleinen Cafe’s. Die größtenteils freundlich blickenden Menschen. Die Atmosphäre dieser Stadt. Ein leichtes Chillen lag in der Luft. Wenig Hektik. Ein gemütliches Dahin träumen.

Tage, die mich aus meinen sonst so vielen Höhen und Tiefen, zurück auf die Ebene brachten. Stundenlange Spaziergänge. Leckeres Essen. Dabei tolle Gespräche. Und Abende im Foyer der Jugendherberge, die ich vor dem Bildschirm saß und neuen Ideen freien Lauf ließ.

Ich schaute nicht zurück. Nicht auf die Jahre, die mir weh taten. Die aus mir ein Wrack machten. Die mich viele Jahre leiden ließen. Ich hatte nicht vergessen. Muss aber auch nicht mehr verdrängen. Weil ich diese Zeit akzeptiert habe. Sie gehörte und gehört zu meinem Leben. Viele Bilder sind schon in Schubladen mit der Aufschrift „Abgehakt“ verschwunden.

Ich kann das Damals nicht besser machen, oder anders, oder aus den Köpfen der Anderen verschwinden lassen. Was ich kann, ist das Jetzt so zu gestalten, das ich in vielen Jahren mit keinem schlechten Gewissen, auf dieses Jetzt zurück blicke. Dafür tue ich Vieles. Hier und da gibt es ganz bestimmt noch ein paar Rädchen zu justieren. Aber es fühlt sich gut an.

Auch wenn es immer wieder Themen gab, die sich zwischen mir und Anderen stellten, Fragen nach dem Warum aufkamen, endete jedes Gespräch in einem „Gute Nacht“.

Ich verstehe und akzeptiere so manche Meinungen. Sehe natürlich weiterhin die Sorgen in so einigen Augenpaaren. Die Zeit, die gefangene Zeit mit mir, war nicht einfach. Vielleicht für diese eine Person schwieriger, als für mich. Ich weiß, dass sie weinte. Das sie weinte, bevor sie mich aus der Klinik zum Wochenend Urlaub abholte. Das sie weinte, wenn ich sonntags aus dem Auto stieg und wieder auf Station ging. Dieses Gefühl, das zu wissen, zu spüren, schmerzt.

Ich hoffe, dass ich ihr mit meinem Jetzt, meinem jetzigen Ich, nun wieder etwas Seelenfreude geben kann. Das sie sieht, was ich geschafft und erreicht habe. Das ich für meine Ziele weiter kämpfen werde. Das ich weiß, was erlaubt und was nicht erlaubt ist.

Ich glaube in meinem Herz ist für zwei Städte Platz. Genau wie es für Viele von euch immer da sein wird. Meine Ohren weiterhin zuhören. Und meine Stimme, mit ihren Worten, euch dann Kraft schenken soll, wenn ihr mal nicht wisst, wo der Frosch seine Locken hat.

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