Ein guter Jahrgang

 

„Ich habe noch einen Roten von 1983 im Keller!“.

„Ach ich weiß nicht! War das nicht dieser Jahrgang wo sich die Sonne den ganzen Sommer hinter den Wolken versteckt hatte?“.

„Nein, das war 1981. Danach folgten drei heiße Sommer!“.

Paul ging in den Keller um den guten Tropfen aus seinem Tiefschlaf zu wecken. Heidi blieb in der Wohnung, putzte noch schnell zwei Gläser und positionierte zwei Kerzen auf dem Tisch. Sie erinnerte sich an die Jahre vor vielen Jahren. Jeden Abend saß sie mit Paul in seinem Studenten Zimmer und tranken Rosé für 2,99 die Flasche. Dazu ein Baguette das sie für ein paar Groschen kurz vor Ladenschluss beim Bäcker kauften. Oft reichte es nur für salzige Butter. Am Monatsanfang auch mal für ein Stück Käse oder einem kleinen Glas schwarze Oliven.

Als Paul in seinem Keller vor dem Weinregal stand erinnerte er sich an die Jahre vor vielen Jahren. Als er an den Wochenenden bei Heidi in dem Haus ihrer Eltern übernachten durfte. Beide schlichen sich dann immer in den Keller und stibitzten von Heidi´s Papa ein paar Flaschen Bier. Manchmal auch von Mutti eine Flasche Rotwein. Beiden lagen sie auf dem Bett und lauschten der aktuellen Chart Musik. Paul erinnerte sich an die Momente in denen er mit dem Kopf auf Heidi’s Brust lag und ihrem Herzklopfen zuhörte. Umso älter sie wurden, desto schneller schlug Heidi’s Herz.

Paul musste lächeln. Nahm den Roten von 1983 und ging zurück in seine Wohnung wo Heidi schon den Tisch gedeckt hatte. Frisches Baguette, ein Schälchen grüne und eines mit schwarzen Oliven. Dazu ein französischer Käse aus der Feinkost Abteilung. Heidi lächelte Paul zu. So wie sie es früher tat. So lange tat, bis eines Tages Paul seine Koffer packte und ans andere Ende des Landes zog. Paul hatte damals seine Gründe. Gründe die damals keiner verstand. Auch Heidi nicht. Sie verlor ein Stück ihrer Seele. Dieses Stück was nur Paul kannte und an diesem Tag mit sich nahm. Paul erfuhr erst Jahre später, welch Gefühl Heidi ihm verschwiegen hatte. Für Paul der Grund für ihr immer schneller pochendes Herz, wenn er wieder, ohne einen Gedanken an Liebe zu verschwenden, auf ihrer Brust lag.

Beide hatten nach jahrelanger Suche nie den richtigen Partner gefunden. Paul immer auf der Suche nach dem Kick. Sex am Strand. Sex im Kaufhaus. Sex mit der Stewardess während einer Geschäftsreise nach Los Angeles. Heidi war immer auf der Suche nach der großen Liebe gewesen. Einmal hatte sie diese gefunden. Doch als sie den Mut gefunden hatte, saß Paul schon in seinem alten Fiat und war auf seiner ganz eigenen Reise. Lange Jahre blieben die Stimmen beider ungehört. Paul in seiner Selbstfindungsphase. Heidi in einer Beziehung die sie lange glücklich machte.

Paul schenkte ihr ein halbes Glas Rotwein ein. Danach sich auch.

„Das dieser Abend mal kommen würde!“, ließ Paul verwundert den gemütlichen Abend beginnen.

„Wie damals!“, konterte Heidi, mit Blick in Paul´s Augen.

Paul hatte immer noch die Lieder der damaligen Momente auf der Festplatte gespeichert. Es gab da diesen einen Song. Ein Song der immer, und nicht nur einmal laufen musste. „Take Him Back“ von Monica. Der Song eines ganzen Sommers.

Ohne wirklich an ein Wiedersehen zu glauben, hatte Heidi an Paul´s Tür geklopft. Ein Mann, etwas älter als sie es in Erinnerung hatte öffnete ihr die Tür. Beide sahen sich in die Augen und lächelten. In diesem Moment bekam sie von Paul das Stück Seele zurück mit dem er damals verschwunden war.

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Zulassen!

 

Ich würde es gern.

Das Gefühl ist so stark.

Raubt mir jegliche andere Gedanken.

Klaut mir Stunden vom ganzen Tag.

 

Ich wäre nicht richtig für dich.

Wäre falsch in deinem Herz.

Würde wie ein Orkan,

würde wie eine Flutwelle,

deine Welt verwüsten.

 

Ich würde es gern.

Weil es sich gut anfühlt.

So warm in meinem Herz.

So lieb streichelnd für meine Seele.

 

Ich wäre nicht richtig für dich.

Zu sehr rausche ich durch die Welt.

Finde keinen Platz.

Finde nicht meinen Platz in dieser Gesellschaft.

Glaube nicht an mich.

 

Was würde daraus entstehen?

Zwei verschiedene Herzen.

Zwei verschiedene Seelen.

Zwei verschiedene Gefühle.

 

Lange war ich das,

was die Medizin aus mir gemacht hat.

Eine Hülle die gefüttert,

die vollgepumpt wurde.

 

Jetzt als Mensch.

Wieder einem Gefühl folgend.

Sehe ich dieses Schöne.

Deine Schönheit.

 

Suche Gründe.

Suche Gründe dein Bild zu vergessen.

Suche Gründe.

Suche Gründe das Gefühl tot zu denken.

 

Es gelingt mir für Sekunden.

Dann ist es wieder da.

Das Bild von dir,

das ich nicht mehr loslassen möchte.

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Zu sehr jetzt

 

Im Moment leben würde viele Menschen glücklich machen. Kein trauriges in der Vergangenheit bohren. Kein verzweifelter Blick in die Zukunft. Doch was ist wenn der Moment nicht schön ist? Wenn Sekunde um Sekunde die Stimmung kippt! Wenn frohes Schaffen mich noch heiter das Werk beenden lässt, der nächste Blick in die Leere und die Zigarette danach einfach nicht schmecken will. Was hast du geschafft? War es gut? Solltest du weiter deinen Träumen folgen? Da ist dieser eine Wunsch. Der Gedanke der dir gehört. Nur dir. So weit bist du entfernt. Nur Straßen. Eine kurze Fahrt mit dem Bus. Doch so weit weg von meinem Wunsch. Ich kann nur fantasieren. Kann mir dein Bild immer wieder ansehen. Mein Herz pocht. Dann diese Zweifel. Dieses Suchen nach der Überzeugung. Ich bin nicht das was du suchst. Ich bin nicht das was in deinen Augen als Mann steht. Ein kleiner Junge auf der Reise zwischen Realität und verdammten scheiß selbstverletzenden Gedanken. Nur dein Bild, dieser kurze Augenblick, lässt mich freuen. Lässt mich erahnen wie schön es sein könnte. Leider ist da mehr. Mehr in meinem Kopf. Dieses ständige Erstechen jedes positiven Gedankens. Es ist so. So war es schon immer. Vielleicht wird es immer so bleiben. Und so werde ich nie den Mut aufbringen. Werde weiter an deiner Seite sein und stumm, und doch mit so viel Liebe.

Zu sehr versuche ich zu beschreiben. Zu sehr fühle ich. Doch zu leise sind meine Worte. Worte die meinen Mund nicht verlassen können. Wollen tun sie. Könnten gesprochen so schön. Denn zu viel Herz liegt auf meiner Seele. Soll ich warten? Worauf? Soll ich verdrängen? Wie? Soll ich vergessen? Dich! Niemals!

Manch Wörter müssen wiederholt werden. Manche Lieder verstehen wir erst beim zweiten hinhören. Manche Gedichte verstehen wir erst beim dritten Versuch. Manch Blick erst nach Jahren.

Sollte ich aufhören dem Moment die Schuld zu geben? Sollte ich aus der Vergangenheit lernen? Sollte ich deprimierend in die Zukunft blicken?

Wer bin ich? Was bin ich? Wem willst du? Wie kann ich so werden?

Fragen die meinen Kopf zum glühen bringen. Fragen die meine Synapsen überfordern. Fragen auf die ich keine Antworten finde. Antworten hättest du. Du hast es ausgelöst. Weißt gar nicht wie du mit mir spielst. Mit deinem Blick. Mit deinem sein. Deinem so wunderschönen Wesen.

Es gibt Tage da bin auch ich happy. Da genieße ich die Gedankenflut. Renne ihr bildlich nach. Habe endlich das Gefühl einen Wert zu haben. Eine Stellung in der Gesellschaft. Dieses „ Schau, du bist wer!“.

Warum nur für wenige Minuten?

Woher kommt der zu erwartende pünktliche Fall. Der Fall in das Bodenlose. Ohne Fallschirm. So lang bis zum großen Aufprall. Die zehnte Zigarette. Müde Augen. Nicht schlafen! Nicht träumen! Verweile in diesem Moment. Den von vorhin. Die Sekunden die mir dein Bild zeigten.

Morgen wird es nicht anders sein. Die Nacht wird mir neue Kräfte gegeben haben. Kräfte die mir im jetzt helfen werden. Denke ich an den Abend, der wieder kommen wird, balanciere ich wieder auf dem Seil der Realität, mit Blick in die Schlucht, den verdammten scheiß verletzenden Gedanken.

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Kind sein

 

Liebes Tagebuch,

vor Wochen war ich noch so glücklich. Ich hatte meinen ersten Liebesbrief bekommen. Na gut, nicht mehr als ein Kreuz hinter „Ja“ war ihre Antwort. Für mich wie ein ganzes Gedicht. Wenig später war ich traurig! Mein Hamster Speedy war gestorben. Nicht so richtig gestorben. Papa hatte die Balkontür aufgelassen. Der immer wohlriechende Duft vom Nachbarn hatte ihn wohl angelockt. Seine eigene Reise zum so ertragreichen Garten. Nur kurze Zeit später war ich wieder traurig. Bei unserer Klassenfahrt spielten wir Flaschendrehen und mein bester Freund durfte mein Mädel küssen. Papa sagte zu mir, dass manche Männer das manchmal machen und das es dann riesen Krach im Hause gibt. Dafür bin ich vielleicht noch zu jung. Aber ich spürte ein kribbeln in meiner Hand als ich ihre Lippen auf seine sah.

Liebes Tagebuch,

vor Wochen war mir wirklich schlecht. Ich hatte den ersten Auftritt mit unserer Schulband vor allen Schülern. Den ersten Song bekam ich irgendwie zusammen. Doch im Zweiten strauchelte ich in der dritten Strophe. Ich versuchte es zu überspielen und sang nur noch den Refrain. Die Blicke meines Musiklehrers drangen tief in mein Herz. Nach dem Lied rannte ich von Peinlichkeit ergriffen von der Bühne, zum nächsten Baum und übergab mich. Nie wieder mache ich das.

Liebes Tagebuch,

heute war ein schöner Tag. Ich hatte meine letzte mündliche Prüfung. Geographie. Als ich da vor der Tür saß, noch einen letzten Blick in den Hefter tat, wurden meine Hände ganz feucht. Ich entdeckte ein neues Gefühl an mir. Neben der Nervosität hatte ich dieses Gefühl der Erleichterung. Noch ein paar Minuten Gelerntes Anwenden und ich könnte die größte Fete meines Lebens erleben. Papa hatte versprochen mir und meinen Freunden einen Kasten Bier und zum anstoßen eine Flasche Sekt zu spendieren. Die von allen so empfundene und lähmende Angst spürte ich nicht. Ich wusste ich kann das. Ich bin ein Guter und das zeige ich denen ein letztes Mal.

Liebes Tagebuch,

heute sah ich meinen Papa zum ersten Mal weinen. Am morgen waren wir zum Hauptbahnhof aufgebrochen. Der Treffpunkt meines Fahrlehrers und des Prüfers. Ich war sehr früh zu Bett gegangen. Wollte ausgeschlafen sein. Bloß keinen Fehler aus Leichtsinn tätigen. Alles lief gut. Als ich dann in die Bahnhofstraße einbog, das Auto sicher einparkte, mit dem Führerschein aus dem Auto stieg und freudestrahlend auf meinem Papa zu lief und sah wie er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte, spürte ich eine ewige Dankbarkeit. Papa hatte wochenlang mit mir auf dem großen Parkplatz am Rande unserer Stadt geübt. Jeden Tag nach der Schule zeigte er mir seine Tricks die ihn zu einem sicheren Fahrer werden ließen. All die Jahre bewunderte ich ihn, wenn er auch nach zehn Stunden Autofahrt Richtung Österreich locker blieb und wir zusammen seine Lieblingskassette hörten und er bei „San Francisco“ überschwänglich mitsang.

Liebes Tagebuch,

heute habe ich ein trauriges und ein fröhliches Auge. Ich bin traurig, weil ich die letzte Seite unserer jahrelangen Verbundenheit beende. Ich schließe ein wundervolles Kapitel meines Lebens ab. Doch du wirst bleiben. Du wirst mich weiter begleiten. Immer wenn ich mal nicht weiter weiß, werden deine Seiten mir wieder helfen aufzustehen. Du wirst mir immer zeigen, was ich schaffte, welch Grenzen ich überwand, welch Gefühle ich schon erlebte und wie leicht doch damals die Liebe war.

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Ein kurzes Nachwort zu „Dreimal Tod“

 

Ja es war die Zeit des Ausprobierens. Grenzen austesten. Sehen und fühlen was geht!

Ich erlebte nun was nicht geht.

Als ich an diesen Abend auf der Couch lag, sah ich diese Bilder vor mir. Mein Leben rückwärts. Dieser Moment, wenn dein ganzes Leben an dir vorbei zieht. Es waren schöne Bilder. So viel schöner als ich es aus Berichten kannte. Vielleicht waren es diese Minuten, vielleicht auch Stunden, wer weiß das schon. Ich sah die vielen glücklichen Gesichter. Sah wie mein Dad und meine Mama glücklich waren, nur allein weil ich ohne Stützräder die ersten Meter auf meinem grünen Fahrrad fuhr. Ich sah wie stolz mein Dad am Spielfeldrand stand und mir beim bolzen zu schaute. Jedes Wochenende. Egal wie weit wir fahren mussten. Ich sah das stolze Gesicht meiner Mama als ich mein Abschlusszeugnis bekam. Als Klassenbester mit so viel Hoffnung für das weitere Leben. Meinen kleinen Bruder dem ich in dieser Zeit nicht der Bruder war den er sich vielleicht gewünscht hätte. Auch wenn mein Leben so einige düstere Stunden hatte, war ich doch immer glücklich. Nie hätte ich mit jemanden tauschen wollen. Ihr vielleicht schon. Wie schlimm muss es für eine Mutter sein ihren Sohn im Krankenhaus zu besuchen und ratlos in seine ängstlichen Augen zu schauen. Da waren so viele Wünsche. Da war so viel Hoffnung die in mir lebte. Jeden dieser Wünsche tritt ich mit so viel Ignoranz. Was sollte dies alles? Warum tat ich das? Ich gebe niemand eine Schuld. All das wollte ich. All das war mein freier Wille. Auch heute noch suche ich nach Gründen. Gründe warum ich Gold in Bleich tauschte. Irgendwann sollte man vergessen! Aber das möchte ich nicht. Diese Zeit zeigte mir wie schwach ein Geist sein kann. Wie schnell auf einmal nichts mehr funktioniert.

Ich lag da. Vielleicht sollte ich in dieser Nacht eben nicht sterben. Bekam diese eine Chance es besser zu machen. Ich gab mir selbst das Versprechen nie aufzugeben. In den Jahren danach hätte ich genug Gründe gehabt. Erlebte Situationen die noch viel grausamer waren als ein dummer Trip auf einer dieser Drogen. Aber auch das ist Geschichte. Damals musste es immer größer, schneller, schöner sein. Heute sind es die kleinen Dinge die mein Herz berühren. Ich verlange nicht viel. Nur ein wenig Freude mit meinen Freunden. Vielleicht ein bisschen mehr Gesundheit für meinen all die Jahre geschundenen Körper. Heute sind es andere Grenzen die ich erreichen möchte. Grenzen die mir mein Denken manchmal aufzeigen. Dass ich nie Schachweltmeister werde sehe ich ein. Für mich stehen da einfach nur solch Figuren rum. Ich denke schon gern voraus. Aber eher im Zwischenmenschlichen. Liebe Gefühle. Gefühle die ich bei anderen beobachten darf. Und genau so entstehen meine Zeilen. Es gibt bestimmt noch genug Geschichten die ich von mir erzählen könnte. Vielleicht auch werde. Doch ich bin nicht wichtig. Das es anderen gut geht das ist wichtig. Ich mache schon mein Ding. Ich lebe mein Leben. Dem einen gefällt´s. Andere lächeln darüber. Glaubt mir, ich habe so viel gesehen, so viel gefühlt, da ist ein Lacher hinter meinem Rücken nur die Bestätigung für mich das ihr nie wirklich gelitten habt.

Ich habe meine Bilder. Bilder die mich lächeln lassen. Bilder die mein Herz berühren. Bilder die mich weinen lassen. Und das ist schön. Mehr möchte ich gar nicht. Und ich weiß, dass noch viele tolle Bilder dazu kommen werden. Das ich auch noch in zehn oder zwanzig Jahren an diese Jahre der falschen Orientierung denken werde. Doch sie werden mir immer zeigen wie dumm ich war. Wie dumm ich war so tolle Möglichkeiten einfach weg zu werfen. Und für was? Für Drogen! Für ein Gefühl, für ein Sehen was künstlich erzeugt wurde. Für Stunden, ach ganze Tage, die ich zugedröhnt auf der Couch lag. Gedanken entstanden die mich nicht mehr schliefen ließen. Gedanken die dazu führten das ich meine Wohnung  nicht mehr verlassen konnte. All das für ein bisschen Spaß. Dieser Spaß der mich über einige Wochen, vielleicht Monate begleitete. Danach kam doch nur noch der Alltag. Ja, auch Drogen werden irgendwann langweilig. Doch man nimmt sie, weil der normale Alltag noch langweiliger ist. Aber sollte dies ein Grund sein?

Jeder ist sein eigener Herr. Jeder darf selbst entscheiden welche Richtung er einschlagen möchte. Sich danach beschweren oder anderen die Schuld für alles zu geben ist wohl das Erbärmlichste. Bevor eure Finger auf andere, bevor ihr über andere lacht, schaut kurz in den Spiegel. Denn den ihr da seht hatte vor jeder Entscheidung die Wahl!

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Dreimal Tod

 

Am nächsten Morgen schaute ich in ihre fassungslosen Gesichter. Was war passiert? In meinem Kopf ein pausenloses Hämmern. Ich nahm mir erstmal eine Zigarette. Setzte mich zu den Anderen an den Tisch. Wir hatten nur sechs Stühle. Einer musste auf seinem Bett sitzen.

„Kamerad, weist du was gestern passiert war?“, fragte einer meiner Kameraden.

Wir kannten uns erst gute drei Wochen. Schon am ersten Tag hatten wir dasselbe Thema. Drogen! Einer hatte ein bisschen dabei. Nicht viel. Nur für ein paar Tütchen. Das musste für die ersten zwei Wochen reichen. Ich war es gewohnt jeden Tag zu kiffen. An den Wochenenden ein paar Pillen oder zwei Gramm Pilze. Mal etwas Abstand gewinnen, dachte ich mir. Ein bisschen kürzer treten, der Gedanke der mir die ersten Tage auf der Stube so durch den Kopf schwirrte. Ich hatte kaum Geld für Kippen. Musste sogar die Unterwäsche vom Bund annehmen, da mir in all der Hektik, durch all die Trips in den Tagen vor meiner Abreise keine Zeit blieb meine Sachen zu waschen.

Nach ein paar Zügen von der Guten Morgen Zigarette drückte ich die Hälfte im Aschenbecher aus. In meinem Kopf herrschte Krieg. Als hätte mir jemand mit einem Baseballschläger so richtig eine verpasst.

„Kannst du dich an nichts erinnern?“, fragte mich ein anderer Kamerad.

Wir waren sieben Mann auf Stube. Ich kannte ihre Namen. Wusste von wo sie herkamen. Kannte schon einige Stories. Doch jetzt in diesen Minuten herrschte Stille in meinen Erinnerungen. An meiner Kleidung konnte ich nur erahnen das gestern wohl eine große Party gewesen sein musste und ich mit Kleidung eingeschlafen war.

Ein Kamerad zeigte mit seinem Zeigefinger auf mich.

„Sowas machst du nie wieder!“, schallten seine Worte in meinem Kopf.

Mit großer Anstrengung versuchte ich zu reden. Suchte nach Worten.

„Kommt schon! Was war los gestern?“, waren jetzt die einzigen Sätze die mein Körper schaffte aus mir heraus zu drücken.

Am frühen Abend hatten wir zu dritt auf der Stube jeder ein paar Bahnen Koks gezogen. Waren gut drauf. Saßen noch gut eine Stunde im Aufenthaltsraum und zockten auf der Playstation Fußball. Einige störte dies. Sie wollten eine DVD schauen. Irgendwas mit Krieg und so. Doch wir drei waren so aufgedreht. Voller Energie. Eine DVD und hier ruhig sitzen wäre jetzt der absolute Abtörner. Ich hatte zum ersten Mal Koks durch meine Nase gezogen. Nicht so geil wie eine Pille. Aber in mir fuhr ein ICE durch den Kopf. Brauchte Bewegung. Brauchte noch irgendwie eine geile Aktion. Wir beschlossen mit dem Auto aus der Kaserne zu fahren, uns einen ruhigen Ort zu suchen und die Bong, die ich von zu Hause mitgebracht hatte, mal so richtig zum glühen zu bringen. Wir fanden einen Parkplatz nicht weit von der Kaserne entfernt. Ich fühlte die Glasbong mit Wasser. Unser Fahrer machte eine Mische fertig. Nix dolles. Etwas Gras aus dem Norden. Zu erst blubberte der Fahrer. Dann sein Sitznachbar. Dann war ich dran. Ich war so super drauf. In diesen Stunden war ich unsterblich. So krass drauf, dass ich die Mische anzündete und wie ein Bekloppter an der Bong ruppte. Es müssen literweise Qualm gewesen sein. Ich bemerkte ein mulmiges Gefühl in meinem Magen. Ruppte weiter. Bis es im Kopf schepperte. Ich begann zu zittern. Musste mich übergeben. Ich bekam einen epileptischen Anfall. So krass war es noch nie gewesen. Mal etwas platt von zu viel Haschisch oder ein Horrortrip auf Pillen. Ich bekam nur noch mit das einer von ihnen die Hintertür öffnete, mich aus dem Auto zog und versuchte mich gerade an das Auto zu drücken. Doch das Zittern ging weiter. Kaum hatte er mich losgelassen fiel ich wie eine Schranke auf die Straße und erlebte den Trip, von dem ich in diesem Moment dachte, es wäre mein Letzter. Meine zwei Kameraden halfen mir auf und lehnten mich wieder an das Auto. Ich stürzte wieder. Dieses Szenario wiederholte sich drei oder vier Mal. Bis mein Körper total ausgelaucht nachgab und ich auf dem Boden sitzend mich mit dem Rücken an den Vorderreifen setzte. Langsam nahm ich auch wieder das Drum herum war. Sah einen Kameraden hektisch an seiner Zigarette ziehen. Der andere lehnte sich sitzend an den Zaun und weinte. Zum ersten Mal seit dem tödlichen Unfall einer meiner besten Freunde zwei Jahre zuvor sah ich wieder einen Mann weinen.

„Warum weint er?“, fragte ich den neben mir stehenden Kameraden, der sich gleich noch eine ansteckte.

„Junge, wir dachten du stirbst uns hier weg!“, stotterte er mir entgegen.

Ich trotz diesem Vorfall noch immer vom Koks und dem Kopf total high fragte, ohne dabei an die letzten Stunden zu denken, wo denn mein Bong war. Der schwarze Koffer in dem ich sie immer mit mir schleppte lag leer neben mir. Als mein Kamerad mir sagte, dass ich diese in meinem Anfall mit voller Wucht auf die Straße geschmettert hatte, gab mir nun mehr zu denken, als diese momentane Situation. Der andere Kamerad konnte sich nicht beruhigen. Noch immer lehnte er sitzend am Zaun und hielt seine Hand vor sein weinendes Gesicht. Ich noch immer im Film steckend, machte mir nun Gedanken wie wir wieder in die Kaserne kommen sollten. Ab acht waren die Tore zu. Jedes Auto musste davor anhalten, alle mussten aussteigen, an das Tor treten und ihren Ausweis vorzeigen. Ein bisschen Luft hatten wir noch. Um zehn war Nachtruhe. Jetzt gegen neun fuhren meine Kameraden mit mir noch ein bisschen durch die Stadt, damit ich jedenfalls mein Gleichgewicht wiedererlangen konnte. Kurz vor zehn hielten wir vor der Kaserne. Ein Kamerad ging neben mir und stützte mich mit einer Hand. Irgendwie schaffte ich es in diesen Minuten kurz normal zu sein. Zeigte meinen Ausweis und stieg wieder in das Auto ein. Den Weg vom Parkplatz in das Gebäude hätte ich nicht geschafft. So hielten wir vor dem Eingang unserer Unterkunft und ich wurde von dem immer noch unter Schock stehenden Kamerad auf die Stube begleitet.

„Diese Bilder werde ich nie vergessen!“, nahm ich von ihm noch irgendwie war, bevor er mich ins Doppelstockbett hievte.

Nun schaute ich in ihre Gesichter. Beide Kameraden aus dem Auto schüttelten mit ihrem Kopf. Schon ihre Nacherzählung vom gestrigen Abend machte alle anderen fassungslos. Auch ich hörte noch einmal jedes Detail. Bilder entstanden in meinem Kopf. Der letzte Nacht weinende Kamerad hatte schon wieder Tränen in den Augen. Ich beschloss etwas kürzer zu treten. So waren meine Worte. Ihre Worte waren da etwas deutlicher.

„Mann, hör auf mit dem Scheiß! Irgendwann krepierst du daran!“, waren nun deutliche Worte, denen alle zunickten.

„Ok!“, war alles was ich darauf antworten konnte.

Diese Einsicht hielt nur gute drei Tage. Kaum stand ich am Freitagabend am Hauptbahnhof meiner Heimat, wählte ich die Nummer meines Dealers. „Mach mal schon ein Paket fertig. Zehn Steine und ein halbes Dutzend Pillen.“, hörte ich meine Stimme in mein Handy sagen.

Am Sonntag begrüßte ich meinen Kameraden im Zug der aus Leipzig kam und mir im Raucherabteil einen Platz freigehalten hatte. Ich schaute in seine Augen. Er in meine. Beide hatten wir tellergroße Pupillen. Beide waren wir noch vom Trip der letzten Nacht drauf wie rollige Hunde. Beide hatten wir nichts aus diesem Vorfall gelernt.

Nur wenige Wochen später, wieder ein Wochenende in der Heimat, standen zwei Duftboxen mit fünf Gramm Pilzen auf den Tisch. Wir waren zu viert. Jeder bekam seinen Teil. Ich den absoluten Trip wollend, zerkleinerte die Pilze mit einer Schere bis diese fast nur noch Staub waren. Nahm einen großen Löffel und verschlang meine ganze Portion. Ein bisschen kauen. Das Zeug schmeckte wirklich räudig. Aber egal. Wenige Minuten später spürte ich die Wirkung. Alle hatten Bock auf eine DVD. Was Gruseliges. „Ghost Ship“ landete in der Playstation. Interessierte mich nicht wirklich. Schaute aber trotzdem hin. Nach gut einer halben Stunde musste ich verwundert feststellen das ich alle Figuren in diesem Film wie eine Pappfigur sah. Platt wie ein Stück Papier. Doch ich sagte nichts. Dachte den anderen geht es genauso. Dann schaute ich meine Kumpels an die neben mir saßen. Und da bekam ich Angst. Auch sie waren platt wie Pappfiguren. Ich schaffte es noch aufzustehen. Jetzt eine Kippe und es würde sich vielleicht wieder etwas beruhigen. Kaum auf den Beinen stehend krampfte mein Körper. Wieder ein epileptischer Anfall. Ich fiel zwischen Couch und Tisch. Meine Freunde reagierten sofort und hielten mich fest. Ich spürte meine Zunge nicht mehr. Bekam kaum noch Luft. Zwei Mann schafften es dann mich aus dem Zimmer auf die Veranda zu tragen oder zu schleifen und mich auf den feuchten Rasen zu legen. Im Regen und mit dem Gesicht nach unten hockte ich wie ein Hund auf allen Vieren in dieser aufgeweichten Pampe von Rasen und Matsch. Es müssen Stunden vergangen sein, bis irgendwann das Zittern aufhörte und mich meine Kumpels auf die Couch im Wohnzimmer legten und so lange warteten bis ich einschlief. Noch heute spüre ich meinen damaligen Herzschlag. Ich war dem Tod zum zweiten Mal von der Schüppe gesprungen. Nahm mir in meinem jugendlichen Leichtsinn vor nur noch zu kiffen und auf Hallos durch Pilze oder Pillen zu verzichten. Diese Einsicht hielt ein paar Tage an. Wieder in der Kaserne bekam ich meine bestellte Lieferung Gras aus dem Norden. Gute zehn Gramm. Spitzenqualität. Am Ende der Woche, mit nur noch drei Gramm im Rucksack überkam mir schon während der Zugfahrt die Lust auf etwas mehr. Ein bisschen mehr Action. Ein bisschen mehr Party für meine schon zu der Zeit beschädigten Synapsen. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass mich alle beobachteten. Aber egal. Ich sah dank des straffen Fitnesstrainings super aus. Sollen doch alle gucken. Ich bin hier der Held in diesem Actionfilm.

Dann kam der Abend der alles veränderte. Der 30. August. Ein Samstag. Wie immer waren meine Kumpels bei mir in der Wohnung. Ein bisschen kiffen und Playsi spielen. Einer saß am Computer und erstellte Sounds mit einem Musikprogramm. Ein anderer saß neben mir auf der Couch und schrieb seine wirklich immer guten Rap Texte. Ich nahm das alles war, doch so richtig interessierte mich das nicht. Es war nicht meine Musik. Nicht meine Leidenschaft. Nicht meine Musikrichtung. Mir war es wichtig high zu sein und auf der Playsi Fußball zu daddeln. Am späten Abend kam dann noch der kleine Bruder einer meiner Kumpels und brachte unsere bestellte Lieferung an Pilzen. Ein bisschen Respekt hatte ich ja nun doch. Noch so ein Ding wie vor Monaten könnte mein letztes Abenteuer werden. Ich beschloss etwas weniger zu nehmen als die Anderen. Ein gutes Gramm steckte ich mir in den Mund. Kaute diese eklige Pampe einige Minuten und schluckte es dann mit Bier herunter. Was wir an diesem Abend noch so machten, daran erinnere ich mich nicht mehr. Nur das mich einer ins Bad rief und mir zeigte wie toll doch die Fliesen in meinem Bad glitzerten. Irgendwann, es muss so kurz nach Mitternacht gewesen sein, verließen alle meine Wohnung und schenkten mir eine gute Nacht. Es wurde die Nacht meines Lebens. Total übermüdet sagte ich mir: „Noch ein Kopf und dann ab ins Bett.“ Ich nahm die Stahlbong. Fühlte diese mit etwas Steinmische und zog. Zog so lange bis es in meinem Kopf nur noch so schepperte. Wieder bekam ich einen epileptischen Anfall. Versuchte aufzustehen. Fiel prompt mit dem ganzen Körper auf den Tisch, auf dem leere Bierflaschen und zwei Wasserpfeifen standen. Danach taumelte ich noch so durch das Wohnzimmer, bis ich irgendwann Ohnmächtig auf der Couch landete. Zwei Stunden vergingen und eine furchtbare Angst ließ mich wieder erwachen. Mein erstes Gefühl! Wo ist meine Zunge? Ich fühlte nichts in meinem Mund und einen heftigen Schmerz am Kiefer. Ich bekam Panik. Nahm den Spiegel aus dem Badezimmer, schmieß ihn auf die Erde, der dadurch in drei Teile zersprang, hielt mein Gesicht darüber und schaute ob meine Zunge noch da war. Alles war ok. Doch die Panik wurde immer schlimmer. Irgendetwas befall mir mich umzubringen. Nach minutenlanger Suche fand ich eine Schere. Ritzte mir den ganzen linken Unterarm auf und schrieb mit einem blauen Buntstift ganz groß an die Wand: „Bitte lasst mich Sterben!“.

Als ich am nächsten Morgen wach wurde, war da das reinste Chaos in meiner Wohnung. Überall Scherben. Eine kaputte Bong auf dem Boden. Und alles voller Blut. Ich blickte auf meinen Arm.

„Junge, das war nun doch etwas zu viel!“, dachte ich mir und fing an zu weinen.

Ich hatte großes Glück das mich am nächsten Morgen einer meiner Freunde anrief. Nicht um zu fragen wie es mir geht. Nein! Das taten sie nie. Seine Frage war ob sein Stoff noch auf meinem Tisch lege.

„Vergiss mal den Scheiß! Du musst kommen und mich ins Krankenhaus bringen!“, forderte ich von ihm. Zwei Stunden später kam er und brachte mich ins Krankenhaus. Zu Menschen die mir in diesem Moment für kurze Zeit Halt gaben. „Wer bin ich schon?“, waren meine Worte, die die Krankenschwester fast zum Weinen brachte.

Nach diesem Abend musste ich mir nicht mehr selber sagen, dass ich keine Drogen mehr nehmen darf. Ich konnte auch nicht mehr. Jeder Joint danach löste Panik in mir aus. Ich wurde anders. Wurde still. Zog mich zurück. Machte Dienst nach Vorschrift. Die Blicke des Bundeswehrarztes! Ich musste ja dahin. Mein linker Unterarm war mit Wunden übersät. Der tiefe Schnitt am Handgelenk zeigte mir die Anatomie meiner Sehnen und Adern.

„Wieder so ein Drogenopfer!“, waren die Worte des Arztes, der sofort in meiner Stammeinheit anrief und denen alles steckte.

Was konnte ich schon groß sagen. Mein Kopf brummte immer noch. Mein Kiefer schmerzte. Die Schmerzmittel die ich am Sonntag vom Krankenhaus bekommen hatte wirkten gleich Null. Nun war ja Montag. Zu meiner Kaserne konnte ich nicht. Mit dem Durcheinander in meinem Kopf hätte ich die lange Fahrt in den Westen nicht überstanden. Ich hätte wohl nicht mal zur Kaserne gefunden. Der Arzt, der mich wirklich mit Abscheu betrachtete, gab mir einen Tag. Dann sollte ich wieder zu meiner Kaserne fahren und dort den Arzt aufsuchen.

Die ersten Schritte auf das Gelände meiner Stammeinheit waren hart. In mir war so viel Angst. Jeder Mensch sah in mir dieses Wrack. Und jeder der klar denken konnte und meinen Verband am linken Handgelenk sah, wusste was mit mir geschehen war. Näher am Tod konnte ich nun wirklich nicht mehr kommen. Dreimal dem Tod die Eintrittskarte gezeigt und drei Mal hatte er mich wieder nach Hause geschickt.

Fehler macht man einmal. Fehler macht man zweimal. Fehler macht man dreimal. In jeder Lebensphase. Meine Eltern müssen bei meiner Geburt eine sechs gewürfelt haben. Doch irgendwann zerreißt der Tod meine Karte und dann, ja dann kann ich mir den ganzen Mist auf dieser Erde aus dem Himmel anschauen.

Heute, nach gut 14 Jahren erinnert mich jeder Blick auf diese Narbe an meinem Handgelenk an diese Nacht. Mehr Glück als Verstand, könnte man sagen. Doch warum wollte ich sterben? War das nur die Droge? Oder vielleicht doch mein Wunsch? Noch immer sehe ich diesen Satz, der an der Wand stand, vor meinen Augen. Noch immer das ganze Blut in meiner Wohnung. Noch immer die Blicke meiner Freunde, die Blicke meiner Kameraden, die der Ärzte und den noch heute schmerzenden Blick meiner Mutter.

Man lernt aus Fehlern. Fehler die nicht selten Konsequenzen mit sich ziehen. Mein Leben wurde danach zur Hölle. Erst jetzt, nach 14 Jahren fällt mir der Blick auf diese Zeit leichter. Ich lebe noch. Und ich kann sagen! Ja, es macht wieder Spaß!

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Nächtliche Gedanken

 

Ich habe die Musik etwas leiser gedreht. Sitze auf dem Balkon und rauche die letzte Zigarette des Tages. Na mal sehen. Vielleicht doch noch eine später. So richtig werde ich nicht müde. Denke an die letzten Tage. Denke an den heutigen Tag. Alles ist wieder so kompliziert. Vor wenigen Tagen lag ich noch in der Sonne. Vergaß jeden Stress des Alltags. Erlebte mit Freunden die Schönheiten eines für mich neuen Landes. Zu schön war eure Freude, euer Lachen. Jetzt greift wieder die Zwangsjacke des Alltags. Muss Menschen ertragen. Ja wirklich ertragen. Menschen, denen ich zusehen muss, wie sie in ihrem Leid baden. Wie stark ihre Sprüche. Wie mickrig doch ihr Handeln. Ich fühle, ich sehe das alles anders. Bin schon lange befreit von diesem depressiven Denken. Dieses zeigen „Ich bin wer“ und bin doch nichts. Vielleicht sehe nur ich das so. Vielleicht seid ihr wirklich so von euch überzeugt. Ich bin da draußen das was ihr seht. Was ich vielleicht gewillt bin zu zeigen, zu erzählen, zu präsentieren. Ihr seht den, von dem ihr euch vor langer Zeit ein Bild gemacht habt. Doch ich muss euch enttäuschen. Ich bin schon lange nicht mehr der, den ihr seht oder sehen wollt. Ich habe nicht aufgehört zu glauben. Habe aber aufgehört etwas von euch zu erwarten. Ich lebe auch noch andere Stunden. Stunden die mich bereichern und nicht ständig runterziehen. Stunden in denen ich allein bin. Stunden in denen meine Gedanken anderen gelten. Menschen, ich kann sagen Freunde, die das Leben so angehen, wie ich es auch von mir erwarte. Viele Jahre kreisten meine Gedanken um das „Das geht nicht!“. Heute fühle ich ein „Das geht doch!“. Und warum? Weil ich jeden Tag auf mein Leben schaue. Gerne auch mal zurück. Aber diese Zeit war. Diese Zeit ist Geschichte. Von mir nicht mehr änderbar. Oder könnt ihr den Ausgang des II Weltkriegs neu gestalten? Ich muss nach vorne schauen. Mein Leben ist doch nicht vorbei, nur weil ich Jahre in einem narkotischen Zustand lebte. Jetzt ist mein Leben. Jetzt setze ich mir Ziele. Jetzt freue ich mich über jede geglückte Tat. Bin stolz meine Träume zu leben. Rede mit Problemen über Freunde. Brauche keinen Termin um mich mal 45 Minuten aussprechen zu können. Das hat mir selten etwas gebracht. Nur diese ein Dame, sie war wirklich schon in einem hohen Alter, verstand damals meinen fröhlichen Gesichtsausdruck und den sich dahinter befindenden Kampf meiner Synapsen. Wie weit soll ich zurück gehen um euch zu verstehen? Ich kann verstehen. Muss und werde für mich aber nicht akzeptieren, dass sich Menschen aufgeben. Das Menschen mit Überzeugung so tun, als wären sie besser und liegen dabei doch ganz tief im Dreck. Ich versuche, und das tue ich jeden Tag, mein Leben zu ordnen. Bin bereit auch mal Niederlagen einzustecken. Heute weniger als früher. Jeder Tag ist eine Herausforderung. Doch jeder Tag könnte ein neues Highlight werden. Oft reicht schon ein Lächeln oder ein gutes Gespräch. In meinem Leben muss es keine Sektpyramide geben, von der pausenlos Champagner herunter läuft. Es sind die einfachen Dinge in meinem Leben, die mich weiter darin bekräftigen einiges richtig zu gemacht zu haben. Ich werde die Jahre nicht wieder bekommen. Ich werde auch die Fehler nie aus meiner Biografie streichen können. Damit muss ich leben. Und dieser Schmerz sitzt tiefer, als jeder wirklich dumme Spruch über das was ihr von mir denkt.

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